Warum Rechte statt Almosen?
In der Zwischenkriegszeit lebten viele Menschen mit Behinderungen in großer Armut und ohne Arbeit. Damit waren sie von der Familie und von der Nächstenliebe anderer abhängig.
Siegfried Braun, der zentrale Initiator der österreichischen Behindertenbewegung, hatte bereits einen modernen Zugang: Er sah die Ursache der Notlage behinderter Menschen nicht in der körperlichen Beeinträchtigung. Braun kritisierte vielmehr die Rechtlosigkeit im Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnen und ausreichenden Hilfeleistungen.

Nach seiner Flucht aus Deutschland im April 1933 lebte und arbeitete Siegfried Braun (links im Rollstuhl) eine Zeit lang als Erzieher im Institut von František Bakule. In dieser Einrichtung lernten Kinder mit und ohne Behinderungen nach reformpädagogischen Konzepten gemeinsam. Bakule und sein Kinderchor waren weltbekannt.
Die Ursache der Behinderung bestimmte den Zugang zu den wenigen Hilfeleistungen. Sogenannte Kriegsversehrte und Arbeitsinvalide erkämpften sich diesbezüglich eigene Rechte. Siegfried Braun forderte gleiche Rechte auch für jene, die ihre körperlichen Beeinträchtigungen bei der Geburt, durch Krankheit oder Unfall erworben hatten.
Viele mussten von den geringen Leistungen der Armenfürsorge oder in streng geführten Siechen- und Versorgungshäusern leben. Betteln kam häufig vor. Braun lehnte jede auf Almosen und Verwahrung ausgerichtete Versorgung ab. Er kritisierte diese wegen ihrer abwertenden und ausgrenzenden Wirkung.
Um ihre Situation zu verbessern, rief er Menschen mit körperlichen Behinderungen dazu auf, sich zu organisieren und ihre Erfahrungen zu bündeln. Unter der selbstgewählten Bezeichnung „Krüppelbewegung“ begannen sie, für ihre Rechte zu kämpfen.

Am 20. Mai 2026 wurde an der Adresse der Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft in der Wickenburggasse 15, 1080 Wien ein Erinnerungsstein für Siegfried Braun verlegt. Damit wird an die vielen Mitglieder der ersten Behindertenbewegung erinnert, die in der NS-Zeit verfolgt wurden.
Siegfried Braun (geboren 1893 in Mähren) erkrankte mit 12 Jahren an Gelenksentzündung. Er blieb klein gewachsen und hatte versteifte Gliedmaßen. Braun nutzte einen Rollstuhl und war im Alltag auf Assistenz angewiesen. Obwohl er als Erzieher und Sozialarbeiter arbeitete, lebte er in großer Armut. Braun engagierte sich für Empowerment und Selbstvertretung. Dafür brachte er gleichgesinnte behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen. Er reiste sogar nach Norwegen, um Kontakte zu knüpfen. 1943 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung in das KZ-Lager und Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort engagierte er sich unter den schwierigsten Bedingungen für Bildung und unterstützte Mitgefangene. 1944 wurde er in Auschwitz ermordet.

Siegfried Braun lebte in den 1930er Jahren überwiegend in der Tschechoslowakischen Republik. 1933 arbeitete er in Berlin für den Reichsbund der Körperbehinderten. Nach der Machtergreifung Hitlers floh er aus Deutschland. Die Polizei in Berlin verdächtigte ihn, politisch gegen das NS-Regime eingestellt zu sein.
„Aufruf!
Siegfried Braun in Illustrierte Kronen-Zeitung, 6. 12. 1925, 11
Körperbeschädigte, die Ihr von Geburt und Krankheit oder Unfall Krüppel geworden seid, erwachet! […] In Eurem eigenen Interesse rufen wir euch zu: Vereinigt euch!“

Siegfried Braun (rechts vorne im Rollstuhl) mit Personen aus der norwegischen Behindertenbewegung. Links neben ihm Toralf Sandvik (im Rollstuhl), der Herausgeber der Vereinszeitung Solglimt (Sonnenschimmer). Norwegen war ein fortschrittliches Land, was die gesellschaftliche Wahrnehmung von Behinderung betrifft.
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Die Mittel: Emanzipation und Selbsthilfe