DIE MITTEL: EMANZIPATION UND SELBSTHILFE

Die Vereinsleitung erklärte: „Auf der einen Seite einen armamputierten, bettelnden Krüppel, das Mitleid darstellend, das wir ablehnen, auf der anderen Seite als Gegenstück, ebenfalls einen armamputierten Krüppel zeigend, jedoch an einem Schraubstock arbeitend, unser Wollen und unser Recht symbolisierend. In der Mitte prangt unser Abzeichen mit der stolzen Inschrift: „ARBEIT NICHT MITLEID.“ Der Krüppel 6 (1932) 11/12, 7
Die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft wurde am 19. August 1926 in Wien gegründet. Sie war der bedeutendste Verein für Menschen mit körperlichen Behinderungen. Er wollte all jene ohne Rente und ohne Rechte in Österreich vertreten und schätzte deren Zahl auf etwa 60.000.
Der Selbsthilfeverein setzte sich zum Ziel, Menschen mit körperlichen Behinderungen aus ihrer abhängigen und fremdbestimmten Situation zu befreien. Er forderte vom Staat den rechtlichen Rahmen und die finanziellen Mittel dafür. Seine Zeitschrift „Der Krüppel“ war eine laute Stimme für die Emanzipation. Diese richtete sich sowohl an das Fachpublikum als auch an die zu vertretenden Personen.

Wilfried Kobras (mit Vereinswimpel) dazu: „Der Zweck der Fußballsektion ist u.a. auch der, der Öffentlichkeit vor Augen zu führen, dass auch der Krüppel gute Leistungen auf dem Gebiete des Fußballsportes vollbringen mag.“ Der Krüppel 9 (1931) 4/5, 25
Die Arbeitsgemeinschaft von behinderten und nicht-behinderten Menschen setzte sich für den Ausbau der sogenannten Krüppelfürsorge in Österreich ein. Mit ihrem Erfahrungswissen forderten die behinderten Mitglieder Mitsprache ein. Sie stellten sich gegen die bevormundende Hilfe von Wohlfahrt, Medizin und Pädagogik.
Hugo Matzner leitete von Beginn an die Geschäftsstelle, gab die Vereinszeitschrift heraus und baute die Vereinsarbeit maßgeblich aus. Bald gab es über 3.000 Mitglieder in ganz Österreich. Ein wesentliches Anliegen war, das Vorurteil abzubauen, Menschen mit Behinderungen seien nicht in der Lage zu arbeiten. Die Darstellung Hans Susas kritisiert dieses Vorurteil.
Durch Gemeinschaftsbildung und solidarische Zusammenarbeit wollten Menschen mit Behinderungen einander helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten. Über den Verein organisierten sie sich auch Zugang zu Bildung, Kultur und Sport.
Hugo Matzner (geboren 1877 in Mähren) erkrankte in jungen Jahren an Kinderlähmung. Er nutzte einen Rollstuhl. Öffentlich kritisierte er bereits unnötige Barrieren in der Umwelt. Von 1927 bis 1938 war er als Geschäftsführer der Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft tätig. Drei Jahre lang war er auch deren Obmann. Der gelernte Kaufmann war ein zuverlässiger Vielarbeiter. In den 1930er Jahren wurde Matzner antisemitisch angefeindet. In der NS-Zeit wurde er aus dem Verein ausgeschlossen. 1942 deportierten ihn die Nazis nach Theresienstadt, wo er 1943 starb.

Zu Lebzeiten blieb Hans Susa als Maler ohne größeren Erfolg. Heute ist er weitgehend vergessen.
Hans Susa (geboren 1885 in Wien) hatte gelähmte Arme, die nach der Geburt amputiert wurden. Er schrieb und malte mit dem Mund. Der ausgebildete Maler war außerdem Fußballspieler und Schiedsrichter. Für die Arbeitsgemeinschaft entwarf er das Abzeichen und den Zeitungsheader. Von 1928 bis 1930 war er Vereinsobmann. In der NS-Zeit trat Susa dem Reichsbund der Körperbehinderten bei. Er war, wie viele andere auch, von der NS-Propaganda beeinflusst und hoffte auf Arbeit. Susa starb 1952 in Wien.

Dem Bezirksmuseum Landstraße wurden einige Bilder von Hans Susa geschenkt.
Nächstes Kapitel:
Das Motto: Arbeit, nicht Mitleid!