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Warum Rechte statt Almosen?

In der Zwischenkriegszeit lebten viele Menschen mit Behinderungen in großer Armut und ohne Arbeit. Damit waren sie von der Familie und von der Nächstenliebe anderer abhängig.

Siegfried Braun, der zentrale Initiator der österreichischen Behindertenbewegung, hatte bereits einen modernen Zugang: Er sah die Ursache der Notlage behinderter Menschen nicht in der körperlichen Beeinträchtigung. Braun kritisierte vielmehr die Rechtlosigkeit im Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnen und ausreichenden Hilfeleistungen.

Siegfried Braun im Rollstuhl auf einem Gruppenbild mit vielen Kindern und ein paar Erwachsenen bei warmem Wetter in der Natur. Darauf auch František Bakule. Die Kinder sind mit und ohne sichtbare Behinderungen.
Privatarchiv Baca, Schuster und Beck
Nach seiner Flucht aus Deutschland im April 1933 lebte und arbeitete Siegfried Braun (links im Rollstuhl) eine Zeit lang als Erzieher im Institut von František Bakule. In dieser Einrichtung lernten Kinder mit und ohne Behinderungen nach reformpädagogischen Konzepten gemeinsam. Bakule und sein Kinderchor waren weltbekannt.

Die Ursache der Behinderung bestimmte den Zugang zu den wenigen Hilfeleistungen. Sogenannte Kriegsversehrte und Arbeitsinvalide erkämpften sich diesbezüglich eigene Rechte. Siegfried Braun forderte gleiche Rechte auch für jene, die ihre körperlichen Beeinträchtigungen bei der Geburt, durch Krankheit oder Unfall erworben hatten.

Viele mussten von den geringen Leistungen der Armenfürsorge oder in streng geführten Siechen- und Versorgungshäusern leben. Betteln kam häufig vor. Braun lehnte jede auf Almosen und Verwahrung ausgerichtete Versorgung ab. Er kritisierte diese wegen ihrer abwertenden und ausgrenzenden Wirkung.

Um ihre Situation zu verbessern, rief er Menschen mit körperlichen Behinderungen dazu auf, sich zu organisieren und ihre Erfahrungen zu bündeln. Unter der selbstgewählten Bezeichnung „Krüppelbewegung“ begannen sie, für ihre Rechte zu kämpfen.

Der Erinnerungsstein ist ein kleiner Würfel. Die Kanten sind ungefähr zehn Zentimeter lang. Obendrauf ist eine Platte aus Messing, in die der Text eingeprägt ist: Hier befand sich die "Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft". Ihr Gründer Siegfried Braun, geboren 28.12.1893, deportiert am 30.03.1943 nach Theresienstadt und am 23.10.1944 nach Auschwitz. Nicht überlebt
Foto: Fridolin Schönwiese, 2026
Am 20. Mai 2026 wurde an der Adresse der Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft in der Wickenburggasse 15, 1080 Wien ein Erinnerungsstein für Siegfried Braun verlegt. Damit wird an die vielen Mitglieder der ersten Behindertenbewegung erinnert, die in der NS-Zeit verfolgt wurden.

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