DIE BEHINDERTENBEWEGUNG IN DER NACHKRIEGSZEIT
Die frühe Behindertenbewegung hatte „Krüppel“ bewusst als provokanten Kampfbegriff verwendet. Sie wollten damit auf die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen aufmerksam machen. Schon in der Zwischenkriegszeit lehnten einige den Begriff ab.
„Was uns Krüppel zu Boden drückt, ist nicht das Wort, sondern die Wertung, das Vorurteil, das die Allgemeinheit, sei es der Staat oder die Gesellschaft, damit verbindet.“
Siegfried Braun in Der Krüppel 2 (1928) 5, 75

Wilfried Kobras trat als 33-Jähriger der Arbeitsgemeinschaft bei. Er kannte die Aktivistinnen und Aktivisten der Gründergeneration noch persönlich.
Am 1. August 1945 wurde die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft wiedergegründet. Sie trat nun als Verband der Körperbehinderten Österreichs auf. Sprachlich hatte der Verein Fortschritte gemacht, an die Erfolge der Zwischenkriegszeit konnte er jedoch nicht mehr anknüpfen.
Interne Konflikte und der Missbrauch von Finanzmitteln führten 1952 zur behördlichen Auflösung. 10 Jahre später entstand aus regionalen Splittergruppen der Österreichische Zivilinvalidenverband.

Der Verband der Körperbehinderten stellte Menschen mit körperlichen Behinderungen als besonders traurig und hilflos dar. Sein Ziel war es, auf diese Weise Spenden zu sammeln.
Bereits im „Ständestaat“ wurde die demokratisch gewählte Selbstvertretung durch ein Kuratorium nicht behinderter Personen geschwächt. Mit der Machtübernahme der Nazis unterwarf sich die Arbeitsgemeinschaft widerstandslos dem NS-Regime.
Nach 1945 blieben in Österreich, mit einigen Abstrichen, die deutschen behindertenrechtlichen Bestimmungen in Kraft. Ab den 1960er Jahren wurden Landesgesetze für die Behindertenhilfe eingeführt. Erst das Behinderteneinstellungsgesetz von 1988 schuf besondere Arbeitsrechte für sogenannte Zivilinvalide.
Mit ihren politischen Anliegen nahm die Behindertenbewegung in der Ersten Republik einige Positionen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung vorweg. Diese entwickelte sich ab den 1960er Jahren. Sie forderte den Abbau von Barrieren, gleiche Rechte und Anerkennung – für ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft.
Wilfried Kobras (1893-1977) verlor als junger Mann sein rechtes Bein und trat 1926 der Arbeitsgemeinschaft bei. In der Zwischenkriegszeit leitete er eine der Wiener Ortsgruppen sowie die Sport- und Kultursektion. Während der NS-Zeit war er Maschinenarbeiter. Nach 1945 war Kobras maßgeblich am Wiederaufbau beteiligt. Von 1946 bis zur Auflösung war er Vereinsobmann. Er wollte an die Arbeit der Zwischenkriegszeit anknüpfen, konnte dies jedoch nur teilweise verwirklichen.

Mitglieder des Verbandes der Körperbehinderten Österreichs nahmen an der 1. Österreichischen Versehrtensportwoche in Wien von 18. bis 23. Juni 1951 teil. In der ersten Reihe sitzend Obmann Wilfried Kobras, dahinter Schriftführerin Grete Ruckstätter und neben ihr Obmann-Stellvertreter Rudolf Campelik.
Johanna Strasser (später Kobras-Hensler, 1920-1995) lebte seit ihrer Kindheit mit einer starken Wirbelsäulenverkrümmung. 1942 trat sie im Alter von 22 Jahren dem Reichsbund der Körperbehinderten bei. 1944 wurde sie Ortsbundleiterin. Nach der Wiedergründung der Ortsgruppe St. Pölten wurde sie 1946 zur „Obmännin“ gewählt. Sie organisierte Sprechtage, half Mitgliedern bei der Beschaffung von Hilfsmitteln und förderte die Gemeinschaft durch Ausflüge. Bis zur Auflösung des Verbands blieb sie aktiv.

Ausflug der Ortsgruppe St. Pölten ins Waldviertel, 1948. Fotografiert von der „Obmännin“ der Ortsgruppe Johanna Strasser.